Das jüngste europäische Hilfspaket für Griechenland ist ebenso wenig durch die Parlamente wie der europäische Rettungsfonds. Stattdessen verlangen die Finnen mit Rücksicht auf den Zorn ihrer Bürger für die Griechenhilfe ein Pfand – das andere Länder nun natürlich auch wollen. Und selbst wenn Europa sich einigt, so kommen die Griechen beim Kampf gegen die Überschuldung kaum voran, eine Staatspleite droht weiterhin. Das globale Bankensystem würde erneut erzittern. Die Banker sind verängstigt, ihre Häuser horten Geld, statt es zu verleihen. Folglich mussten sich zum Beispiel italienische Banken im Juli 80 Milliarden Euro von der Europäischen Zentralbank borgen – doppelt so viel wie üblich.

Weil das politisch gespaltene Amerika seine Schulden auch nicht in den Griff bekommt, werden die Anleger nur noch ängstlicher. Das kleinste Gerücht lässt die Börse zittern. Das ist dann die Zeit spekulativer Fonds, die mit ihren relativ kleinen Wetten die Kurse zum Absturz bringen können – und Konsumenten wie Anleger werden noch vorsichtiger. Das sind die nächsten Steine im Domino des Abschwungs.

“Es geht abwärts”, sagt Joachim Scheide. Die Gefahr, dass Deutschland in die Rezession rutscht, sieht der Konjunkturchef des Instituts für Weltwirtschaft in Kiel schon bei einer Wahrscheinlichkeit von 30 Prozent. Schaut Scheide auf die globale Stimmungsumfrage unter den Einkäufern der Unternehmen, wird ihm ganz anders. “Der Absturzwinkel ist schon fast vergleichbar mit der Rezession nach der Lehman-Pleite”, sagt er.

Und wie damals sind es die Börsen, die den Absturz noch beschleunigen. Erst bremst die Konjunktur die Finanzmärkte, dann bremsen die Märkte die Konjunktur: Studien sagen, allein in den USA falle der Konsum um drei bis fünf Cent, wenn das Vermögen der Anleger um einen Dollar schrumpft. Auch Managern, die Investitionsentscheidungen oft aus dem Bauch heraus treffen, schlägt die Börse auf den Magen. Man kann es auch fast bewundernd sagen, wie George Soros. Die Märkte hätten eine sichere Methode, um die Zukunft vorherzusagen, so der Großspekulant: “Sie schaffen sie selbst.”

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Europa-Konjunktur
Joachim Fels, der Chefvolkswirt von Morgan Stanley, warnt davor, dass wir in einen sich selbst verstärkenden Strudel aus Konjunkturabschwung und Kurssturz geraten. Schlimm werde es, ergänzt Konjunkturforscher Joachim Scheide aus Kiel, “wenn der Bankenkanal verstopft, ähnlich wie bei Lehman”. Dann geht der Welt die Liquidität aus, die Wirtschaft vertrocknet, und die Zentralbanken müssen wieder alle Mittel aufbieten, um das Schockerlebnis zu mildern. Die Börse habe nicht nur Angst vor der Rezession, sie misstraue auch der Politik, die eine große Mitschuld an der heutigen Rezessionsgefahr trage. Demnach hat der Westen weder die Banken schnell genug reguliert und kapitalisiert, noch liefert er ein glaubwürdiges Konzept im Kampf gegen die Überschuldung der Staaten.

Besonders schwarz sieht Scheide für die USA. Dort drohe am ehesten eine Phase von Stillstand und Inflation. Deutschland dürfte dagegen relativ glimpflich durch den Abschwung kommen. Scheides Szenario: Natürlich geraten jetzt die Exporte ins Trudeln – was schlimm ist für ein Land mit einem Ausfuhranteil von rund 40 Prozent. Aber wie schon nach Lehman dürfte die Inlandsnachfrage “relativ robust” bleiben. Es hilft Deutschland, dass es heute nicht mehr der kranke, sondern der starke Mann Europas ist. Weil die Europäische Zentralbank auch den schwachen Süden im Blick hat, drückt sie den Zins – weshalb die deutsche Wirtschaft mit geringen Kreditkosten arbeiten kann.

Viele Experten hoffen außerdem auf den Osten der Welt. China und Indien, so die Erwartung, werden bald wieder das Wachstumstempo an- und die Welt mitziehen, an erster Stelle den Maschinen- und Autolieferanten Deutschland. Sowohl der Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt als auch die Chefs der großen deutschen Automobilkonzerne vertrauen deshalb weiter auf den Nachfragesog aus dem Fernen Osten.